Hier ist ein Auszug vom Beginn meines Buches das gerade in Arbeit ist, mit dem ich aus eigener Erfahrung Menschen Mut machen will. Auch bei schlimmsten Krankheiten lohnt es sich zu kämpfen, denn oft gibt es noch einen Weg - einen Umweg zu neuem Leben...
Gib niemals auf - oft gibt es noch einen Weg - einen Umweg zum neuen Leben
Vorwort:
Hier handelt es sich um einen Teil meiner Krankengeschichte, die 1982 begann und mich meine persönliche Hölle durchleben ließ.
Ich werde dabei die fachliche medizinische Seite überwiegend ausklammern, dabei aber versuchen meine Gefühle, Gedanken und Ängste, Erlebnisse und Begleitungerscheinungen zu schildern.
Am Rande des Todes angekommen wollte ich immer noch nicht aufgeben, den Sieg über die Krankheit einfach zu erzwingen - musste aber erkennen, dass ich dazu einen schmerzlichen Umweg machen musste, den ich eigentlich vermeiden wollte.
Er rettete schließlich mein Leben, es ging weiter, gab neue Probleme, niemals aber gab ich auf...
Daher habe ich mich entschlossen in stark abgemilderter Form meine Geschichte doch einmal aufzuschreiben um anderen Menschen Mut zu machen, auch in der ausweglosesten Situation niemals aufzugeben, sondern zu kämpfen.
Es gibt oftmals einen Weg - einen Umweg zu neuem Leben.
Ich wollte es schaffen - jetzt erst recht...
Nun kämpfte ich schon seit Jahren gehen eine äußerst seltene Krankheit, die bezeichnenderweise selbst viele Ärzte nicht kannten - und hoffte immer noch, irgendwann mal wieder laufen zu können.
Aus dem Verdacht, evtl. einen Herzinfarkt erlitten zu haben, hatte sich langsam eine ganz andere eigene Geschichte entwickelt.
Ich hatte Schmerzen beim Gehen mit dem 24 Std. EKG festgestellt und eine Schwellung am rechten Knöchel, unangenehme Schmerzen beim Auflegen des Beines und eine zunehmend starke Rötung des Körperteils.
Eine Krankenschwester der das Humpeln auffiel, informierte den Stationsarzt, der gleich alles in die Wege leitete, um eine sichere Diagnose zu stellen.
Zuerst wurde Bettruhe verordnet, das Bein hochgelagert, weil man annahm dass es sich dabei um eine Thrombose handeln könnte und entsprechende Medikamente verordnet.
Die Thrombose bestätigte sich, wurde intensiv behandelt und schien besser zu werden. Eines Tages war es dann soweit abgeklungen, das die Blutwerte besser waren und ich mich nach Wochen zum ersten Male wieder aus dem Bett bewegen und am Waschbecken waschen durfte.
Die Freude währte nicht lange, denn schon dabei stellte ich fest, dass die Zehen die aus dem Verband herausschauten sich wie ein Hefeteig zu vergrößern schienen. Es war ein echt beängstigender Anblick, fast grotesk was ich da sah. Der Fuß mitsamt den Zehen schien sich ständig wie ein bleicher Teig auszudehnen, abgesehen davon dass sich ein ständig zunehmender Schmerz und Steifheit bis zur Unbeweglichkeit aufbaute.
Das konnte nicht verborgen bleiben und klar wurde wieder die ganze Maschinerie in Gang gesetzt um herauszufinden, was ich mir denn da wohl eingefangen haben könnte.
Untersuchungen über Untersuchungen folgten, Röntgen-Aufnahmen, Spiegelungen, nuklearmedizinische Tests, und was man sich nur ausdenken mag. Auf Tumorsuche ist man gegangen, hat alle Spezialisten dazugeholt, und alle schauten echt hilflos drein.
Irgendwann war denn wohl der Patient selbst schuld - zumindest hatte ich den Eindruck - ja wie kann man auch eine Krankheit bekommen, der alle recht hilflos gegenüberstehen?
Mal passten die Symptome zu dieser, dann wieder zu jener Krankheit - aber es war halt nie eine davon.
Die nette Schwester die den Nachtdienst versah kam jeden Abend ins Zimmer und ließ so nebenbei mal folgende Bemerkung fallen: Ach, jeden Abend denke ich - heute ist das Bein geplatzt.
Mulmig wurde mir - klar sie hatte recht, aber wer denkt in so einer Situation daran, dass so etwas passieren könne?
Das Bein sah wirklich beängstigend aus, nicht mehr menschlich ganz einfach gesagt - dick, geschwollen, in wechselnden Farben, manchmal glänzend wie ein Ölteig, mit kleinen wachsenden Härchen auf den Zehen, oft die Farben wechselnd, immer mehr und stärker schmerzend, und war mir sehr wohl auffiel, dass es in der Bewegung immer stärker eingeschränkt wurde.
Als eines Tages auf meine Frage was es denn sein könnte, bei der Chefarzt -Visite der Prof. diese Bemerkung fallen ließ: keine Ahnung, aber am besten kaufen sie ein neues bei C&A war ich doch wie vor den Kopf geschlagen - ich war sprachlos, und fühlte die nackte Angst in mir hochkriechen.
Es ist ja oft so, dass man sich einer Gefahr sehr wohl bewusst ist, aber sich oft dennoch weigert sie als solche zu erkennen.
Mit dieser charmanten Bemerkung verließ der nette Mensch das Zimmer, und ließ mich mit meinen angstvollen Gedanken, die nun verrückte Formen annahmen - allein.
Da lag ich nun, allein mit 1000 offenen, bangen Fragen - und quälte mich mit der Aussage herum.
Meine Geschichte - Ich suchte eine Chance
Nun schien er doch gekommen zu sein, der Moment den ich gefürchtet hatte - schon so lange - ehe mir der Gedanke überhaupt fassbar erschien.
Der Blick, diese unheimliche Stille die plötzlich so bedrohlich schien zwischen meinem Arzt und mir, schien die Ratlosigkeit und Ohnmacht widerzugeben wiederzugeben die mein Krankheitsweg unaufhaltsam anzusteuern schien.
Da tropften die Worte schon aus seinem Mund die ich so gerne nicht hätte hören wollen: "Tja, ich glaube nun weiß ich auch nicht mehr, was wir noch versuchen könnten."
In meinem Inneren konnte ich diese Meinung nur bestätigen, nachdem er alle Register seiner ärztlichen Kunst gezogen hatte einen Weg zu finden, der hilfreich und erfolgversprechend sein könnte.
Trotz aller Bemühungen schien nun doch jeder Versuch umsonst gewesen zu sein. Hatte ich wirklich ein Wunder erwartet?
So platzte ich dann auch gleich mir der angstvollen Frage heraus:
" Ihnen fällt doch aber sicher noch was ein?" Sein Blick verriet mir seine wahre Meinung, aber er war vom ersten Tag an, als ich ihm meine Geschichte erzählt hatte für mich eine Art Übermensch gewesen. Daher drängte es mich einfach trotz aller drohenden Ausweglosigkeit, zumindest die winzige Möglichkeit einer Chance aufrecht zu erhalten.
Obwohl ich diesen drohenden, negativen Endpunkt spürte, wollte ich nicht aufgeben zu hoffen. Sicher war dem guten Dotor genauso unwohl mir diese Worte mitzuteilen, nachdem wir nun aller Prognose zum Trotz 15 Monate lang alles ausprobiert hatten was normalerweise angebracht und möglich erschien.
Ich werde den Tag nie vergessen, als ich allen Mut zusammengenommen hatte, mir telefonisch einen Termin geben zu lassen nachdem das blöde Bein schon fast 3 Jahre lang in Krankenhäusern und Reha Kliniken erfolglos behandelt worden war.
Irgendwann, ich lag wegen einem ganz anderen Wehwehchen in der Klinik, verspürte ich Schmerzen im rechten Fußgelenk, später im ganzen Unterschenkel, und eine zunehmende massive Schwellung, Verfärbung und Bewegungseinschränkung die ich mir nicht erklären konnte und ständig zunahm. Da mein Humpeln einer aufmerksamen Krankenschwester aufgefallen war und diese gleich den Arzt verständigt hatte nahm man das seltsam aussehend Bein näher in Augenschein.
Nach einigen anberaumten Untersuchungen behandelte man erst einige Wochen auf Thrombose, bis der Umfang sich allmählich zu normalisieren schien. Deshalb wickelte man das Bein und erlaubte nur kurz aufzustehen. Ich glaubte meinen Augen nicht zu trauen als ich feststellen musste dass die Zehen aus dem Verband herausquollen wie eine dicke, teigige Masse und den gesamten Fuß und Unterschenkel erschreckend unförmig aussehen ließen. Da ich immer noch über starke Schmerzen klagte, wurden erneut Röntgen Aufnahmen angefertigt, die dann nach eingehender Betrachtung eine Fraktur deutlich zeigten, die allerdings 3 Monate zuvor nicht festgestellt worden war. Das sei ein Ermüdungsbruch erklärte man mir, denn gestürzt war ich nicht. Nun wurde für einige Wochen ein Gips angelegt und das Bein wieder auf einer Schiene hochgelagert. Doch das Bein quoll heraus, der Gips musste entfernt werden.
Nach dem Entfernen jedoch bot sich weiterhin ein erschreckendes Bild - und nach Ablauf von neun Monaten mit allen möglichen Untersuchungen und Tests wusste man dass ich an einem Morbus Sudeck litt.
Zwischenzeitlich hatte man das Bein immer wieder mal auf einer Schiene hochgelagert um ein Abschwellen zu erreichen, ohne allerdings den Fuß zu stützen. Auf der endlosen Suche nach einer endgültigen Diagnose war nun das rot-blau verfärbte, glänzende, ballonartige geschwollene, aufgeblasen aussehende Bein in Spitzfußstellung versteift.
Nun sollte der Krankengymnast seine Kunst beweisen, wenn nicht anders möglich eben mit Gewalt, ein schier unmögliches Unterfangen.
Inzwischen fühlte ich mich auch nicht mehr passend versorgt und bat um Verlegung in die Orthopädie, was aber nicht akzeptiert wurde. Da weiterhin nichts wirkungsvolles geschah, bat ich meinen Mann mich aus der Klinik zu holen.
Ziemlich geschwächt nach neun Monaten Liegezeit, und auf zwei Gehhilfen angewiesen brachte er mich zuerst einmal zu einer Bekannten in die Schweiz damit ich mich etwas erholen könnte.
Nach ca. sechs Wochen holte er mich wieder nach Hause und wir überlegten gemeinsam was zu tun sei.
Ein Besuch beim Hausarzt machte deutlich dass eine Rehabilitation versucht werden sollte, aber nicht unbedingt erfolgversprechend sein würde, dazu sei zu viel kostbare Zeit vergangen.
Ein Gutachten und weitere Untersuchungen folgten wobei einer der Ärzte so charmant war mir nach einem nur kurzen Blick auf das Bein zu sagen dass er zwar kein Schwarzmaler sei aber das Bein nie mehr funktionstüchtig werden könnte, und somit auch eine Reha vergeblich sei.
Mit einem Schlag hatte er alle Hoffnungen zunichte gemacht. Mein Mann versuchte meinen Mut wieder aufzubauen. Trotz aller Anstrengungen verging fast ein weiteres Jahr, bis ich die Bewilligung für einen Reha-Aufenthalt erhielt. Damit war erneut kostbare Zeit verloren vergangen, der Entzündungsprozeß, die Versteifung, teilweise Lähmung und Knochenschwund immer massiver.
In der Klinik stellte man einen Therapieplan auf und ging mit ziemlicher Gewalt an die Sache ran, und schob am Ende mir fast den schwarzen Peter zu, als der Zustand des Beines immer schlechter wurde.
Fast mit dem alten Erscheinungsbild fuhr ich nach Hause, die Ermahnung des Arztes im Kopf, ich müsse halt nur für mich das rechte Maß finden damit zu leben.
Diese für mich unbefriedigende, vage Äußerung war nicht unbedingt dazu geeignet meinen Mut zu stärken. Fast vier Wochen befolgte ich aber treu und brav die Anweisungen, das Bein immer hochzulegen, 3-4 Übungen zu versuchen, zu liegen und zu ruhen.
Als mir immer bewusster wurde dass das alles an Leben sein sollte, was mir noch beschieden sein sollte, fasste ich den Entschluss nach nochmaliger Rücksprache mit meinem Hausarzt, endlich entgegen allen Ratschlägen zu meinem mir vertrauten Orthopäden zu gehen der, nachdem ich ihm die Vorgeschichte geschildert hatte wirklich versuchte zu retten was noch möglich war.
Den Versuch starteten wir mit Spritzen, Tabletten, Infusionen, Krankengymnastik, Elektro -Therapie, Kryotherapie, alles was nur möglich schien, bis zu diesem rabenschwarzen Tag.
Dieser Arzt war vom ersten Moment an die einzige Vertrauensperson gewesen. Ich wusste, wenn er eine Möglichkeit fände, würde er mir diese Hilfe auf jeden Fall zukommen lassen
Die Angst schlug mir wie eine dumpfe Faust auf den Magen. Sein Blick hatte mir die unerwünschte Antwort schon verraten. Da er aber nicht nur ein hervorragender Arzt ist, sondern seinen ihm anvertrauten Patienten auch als Mensch begegnet, suchte auch er weiter nach einem akzeptablen Ausweg für mich.
Um zusätzliche Sicherheit für die Richtigkeit der Entscheidung bat er mich zur Uni Klinik in Essen zu fahren, dort auch um eine Beurteilung bzw. Bestätigung zu bitten, was man nun noch wagen könne.
In der zeitweise aufsteigenden Panik hatte ich die Frage gestellt, ob das nicht zu operieren sei. Es schien ja doch alles wirkungslos zu sein, aber von der Möglichkeit wollte niemand etwas wissen. Dasselbe Entsetzen und Zurückschrecken schlug mir in der Essener Klinik entgegen bei der Frage.
Weitere Untersuchungen in der Neurologie folgten mit Messungen ob die Nerven noch funktionierten, etc. Das Ergebnis schien sehr schlecht.
Ohne um einen Hoffnungsschimmer reicher geworden zu sein hockte ich später wieder unglücklich im Wartezimmer und wartete auf das Taxi das mich wieder heimfahren sollte.
Wieder hatte ich das Glück, dass einer der Ärzte wohl auch etwas nachfühlen konnte, was diese ganzen negativen Befunde bei mir an Mutlosigkeit heraufbeschwören würden. Er war so verständnisvoll dass er mir ein kleines Schreiben mitgab in dem er bestätigte, dass man vom neurologischen und menschlichen Standpunkt aus nicht gegen eine OP sei, obwohl auch er das Ganze für ziemlich unwahrscheinlich hielt.
Das aber war für mich ein kleiner, neuer Lichtblick.
So schnell es möglich war suchte ich Dr. B. auf und hielt ihm auf seine zweifelnden Blicke und Frage das Schreiben hin.
Er hatte inzwischen zur Genüge feststellen können welch hartnäckiger Quälgeist ich sein konnte und fragte lachend:" Wie haben Sie denn das hingekriegt," und " wissen Sie was sie jetzt noch brauchen?" Ganz trocken kam daraufhin meine Antwort: " Ja, einen der es auch macht!" Trotz des Ernstes der Situation lachten wir beide. Damit hatte ich den Nagel auf den Kopf getroffen.
Rückblickend auf diese harten Zeiten muss ich immer wieder auch dankbar sein, dass hinter jeder großen, schwarzen, bedrohlichen Wolke auch immer wieder ein kleiner, heller Silberstreif entdeckt werden konnte oder wollte.
Ich kann nicht mehr sagen wieviele Gespräche und Beratungen, Meinungen, Abwägungen von Für und Wider stattgefunden haben, bis ich eines Tages die für mich erlösende Zustimmung bekam, dass man noch etwas versuchen wollte.
Am liebsten wäre ich meinem guten Doc um den Hals gefallen vor lauter Erleichterung und Dankbarkeit. Das reichte mir ja schon: eine Chance, egal wie sie aussehen würde, zu ergreifen. Was sollte schon groß geschehen; selbst wenn was schief gehen sollte sagte ich mir, dann hätte ich eben alles versucht, denn so konnte ich ja auch nicht laufen da das Bein ja nicht mehr belastbar war.
Geschwollen, blau, eingesteift, wie leblos hing der Fuß schlaff herunter. Für einen Versuch, egal welcher Art, war ich bereit, jedes Risiko einzugehen. Glücklicherweise hatte mein Doc inzwischen einige Belegbetten an unserem Krankenhaus und operierte auch an einem Tag in der Woche dort.
Nach Rücksprache mit einigen seiner Kollegen machte er mir den Vorschlag, erst einmal vorsichtig an die ganze Sache heranzugehen. Er würde mich stationär aufnehmen und man wollte erst mal versuchen den Fuß etwas hochzuquängeln und dann einen Gips machen um den Fuß in der Position zu halten.Vielleicht klappte es ja, und wenn danach gelingen würde den Fuß selbst auf 90° anzuziehen wäre schon ein Erfolg erzielt.
Am Tag der vorgesehenen Aufnahme wurde ich nochmal in sein Behandlungszimmer gebeten, wo er mir vorschlug das Fußgelenk evtl. zu versteifen wenn ich wirklich so ein großes Risiko eingehen wollte. Zuerst glaubte ich meinen Ohren nicht zu trauen, träumte ich etwa? Strahlend stimmte ich zu, war überzeugt es würde bestimmt gelingen.
Wie groß war die Enttäuschung jedoch als ein Prof., den er bei der Op dabei haben wollte das bei der abendlichen Visite kurzerhand abschlug.
"Was nun?", fragte ich mich. War die hoffnungsvolle Freude verfrüht gewesen? Der Hals wurde mir eng und ich kämpfte zum ersten Mal mit aufsteigenden Tränen.
Etwas beschämt aber hilfesuchend wanderte mein Blick zu meinem Arzt. Er schien meine Gefühle wohl verstehen zu können, und versprach später noch einmal zu kommen. Das tat er auch, erklärte mir das Zögern versprach aber dass man die schonendste Methode probieren werde, nachdem man alle Untersuchungen nochmals machte. Der zugezogene Prof. habe Sorge, in dem Bein stecke evtl. noch eine Thrombose. Durch diese seine Erklärung etwas beruhigt ließ ich vertrauensvoll nochmals alles über mich ergehen: Phlebografie mit Kontrastmittel, Nervenleitgeschwindigkeit messen, Doplo-Sonogramm usw.
Mein Vertrauen zu ihm war und ist unerschütterlich. Sicher war - nur durch ihn bekam ich - wenn überhaupt - die Chance eine Lösung zu finden, und wenn - dann die bestmögliche. Röntgen Aufnahmen wurde auch wieder angefertigt. Der nächste Tiefschlag: obwohl alle Ergebnisse zufriedenstellende Voraussetzungen zu geben schienen, lehnte der Prof. weiterhin die Arthrodese (Versteifungs-OP) ab.
Schließlich legte Dr. B. fest dass die Mobilisation versucht werden sollte mit einer Rückenmarksnarkose. Gleichzeitig sollte ein Katheder geschoben werden, damit bei Bedarf Schmerzmittel nachgespritzt werden könne; dabei blieb es dann. Ich war guter Dinge als ich in den OP geschoben. Schon im Vorbereitungsraum hatte ein Mitstreiter meines Arztes sich die von ihm bezeichnete "Flosse" angeschaut. Vorsichtig hatte er die Gelenkkapsel etwas vorgedehnt, und beim Auswickeln und Mobilisieren durfte ich sogar zusehen. Es herrschte eine lockere, fröhliche Athmosphäre. Mir erschien es kaum vorstellbar, dass der Fuß tatsächlich ein Stück gequängelt werden könnte und dann zum Halten in der Position den Gips bekam. Zur kurzen Kontrolle kam ich ins Aufwachzimmer bis ich mit meinem Bett wieder ins normale Zimmer zurückgerollt wurde. Dort wurde zusätzlich eine Schiene ins Bett montiert, damit das Bein hochgelagert werden konnte um erneut lästige Schwellungen zu vermeiden. Damit das Knie beweglich bleiben sollte bekam ich jeden Tag die Motorschiene, auf der das Knie automatisch gebeugt und gestreckt werden würde, eine prima Sache.
Das Wichtigste an jedem Tag war für mich nun die Visite. Da konnte man überlegen was wäre wenn, usw. Ab und zu wurde die Beweglichkeit der Zehen überprüft und Skala der Schmerzen. Fast unerträglich war die Spannung als der Tag nahte, an dem der Gips aufgeschnitten werden sollte um zu sehen, ob der Fuß in der jetzigen Lage von mir aus eigener Kraft gehalten werden konnte, wie das allgemeine Aussehen und die Farbe des Beines wären, wie die Durchblutung, evtl. Schwellungen und mehr. Sollte das gelingen, würde man versuchen eine Schiene als Stütze in den Schuh einzubauen - wenn nicht würde man prüfen was als nächstes zu tun wäre. Evtl. käme dann eine Achillessehnen-Verlängerung und eine Neurolyse in Frage; bisher standen die Chancen 50:50
Nun war der große Tag gekommen, der Doktor mit der Gipssäge in der Hand und alle Schwestern standen rund ums Bett. An beiden Seiten wurde der Gips aufgesägt, nun stand der große Moment bevor. Dr. B. griff nach den Zehen, hob das Bein aus dem Gips. Würde ich den Fuß aus eigener Kraft halten können? Ehe ich es recht wollte rutschte mir die Frage raus:"Und wenn der Fuß wieder runterfällt?" Damit war ein Teil meiner inneren Spannung und Unruhe abgefallen. Ich nehme an, dass alle ähnliche Gedanken bewegt haben denn nach einem kurzen Blick antwortete er: " Müssen Sie das denn schon vorher fragen?"
Nachdem Farbe und Aussehen des Beines geprüft waren und Aufschluß über die Durchblutung gaben, ließ er den Fuß los und beschwor mich, ich möge versuchen ihn zu halten. Vor lauter Anspannung und Konzentration hielt ich die Luft an, als wenn ich damit die Funktion beschwören oder beeinflussen könnte.
Schon passierte es, ich ahnte es mehr als ich es sah - oder sah ich es eher da ich es ahnte? Wie in Zeitlupe fiel der Fuß nach unten ohne dass ich etwas dagegen tun konnte. "Und jetzt?" Meine bange Frage knallte den Anwesenden wie eine Ohrfeige ins Gesicht. Auf Seiten der anwesenden Schwestern herrschte betretenes Schweigen, nur der mutig ausdauernde Doc hob den unwilligen Fuß nochmals an, drückte ihn fest mit der Hand nach oben - mit dem gleichen Erfolg. Dann packte er mit mit ruhigem, zielstrebigen Griff das Bein wieder in den Gips, nicht ohne vorher auf geschickte Art und Weise die Sehen etwas nachgedehnt zu haben, was bei mir immer ein kurzes, tiefes Durchatmen zur Folge hatte.
Optimismus versprühend meinte er dann, wir würden das noch einmal versuchen, und dann entscheiden ob eine Schiene bzw. Stütze in den Schuh gebaut werden solle, oder ob es sinnvoll sei, die Achillessehne zu verlängern. Dann würde evtl. eine OP des Nerven erfolgen, da ich so den Fußheber nicht steuern könne. Das war offensichtlich gewesen; der Fuß hatte gezittert wie ein Lämmerschwanz, mit den Zehen wackeln konnte ich auch nicht.
Für mich zählte allein dass er mich nicht allein ließ; ich spürte dass er weiter nach einer Lösung suchte und war ruhig. So wurde der Orthopädie-Techniker bestellt um einen Gipsabdruck für eine Orthese zu machen, was auch geschah. In den Tagen danach fuhr ich weiter auf der Motorschiene um das Knie mobil zu halten und folgte willig und optimistisch den Anweisungen meiner Krankengymnasten.
Bald schon erfolgte die Anprobe der Orthese, was für mich ein wahres Martyrium bedeutete. Da der Fuß sich nicht auf die 90 ° bringen ließ, so wie die Orthese angefertigt war, war der Schmerz unerträglich. Das sah auch der Doc ein, der mich davon erlöste, eine Anästhesie in die Sehnenscheiden der Achillessehnen machte um den höllischen Schmerz zu betäuben, dann das Bein wieder in einen Gips packte und den OP Termin für die Achillessehenverlängerung am 2. Jan.festlegte. In den wenig vergangenen Tagen war der Fuß wieder mehr angeschwollen, die Sehnen steifer, kürzer geworden. Glücklicherweise durfte ich Weihnachten dann zu Hause sein bis Neujahr gegen 13 Uhr.
Recht optimistisch ließ ich mich dann pünktlich von Mann und Sohn wieder im Krankenhaus abliefern. Irgendwie konnte ich mich nie ganz des Gefühls erwehren dass die beiden nicht schnell genug aus dem Krankenhaus flüchten konnten. War auch kein Wunder nach all der langen Zeit und der Ohnmacht nicht helfen zu können. Diese Gedanken beschäftigten mich oft und lähmten zeitweise die Kraft.
Gegen 14 Uhr gab es noch eine Tasse Kaffee, bevor die vorbereitende Maschinerie in Aktion trat. Dann folgte noch eine kleine Visite meines Hoffnungsträgers. Ihm konnte ich vertrauen davon war ich fest überzeugt, und das machte mich auch vollkommen ruhig. Von der Tür winkte er mir noch einen Gruß zu: "Tschüß, bis morgen". Gegen 21 Uhr brachte mir die Nachtschwester eine Tablette und bald darauf schlummerte ich zuversichtlich dem OP Tag entgegen.
Die Spritze, die mir gegen 10 Uhr verpasst wurde hat mich wieder ins Traumland befördert. Ab da habe ich bewusst nichts mehr wahrgenommen, bis ich mich durch das ständige Rufen meines Namens gestört fühlte. Da war schon alles vorbei. Mühsam versuchte ich die zentnerschweren Augenlider zu öffnen, sah kurz ein paar grüne Gestalten im Nebel auftauchen und wieder verschwinden. Wortfetzen streiften mein Ohr: " Der Fuß steht Spitze, habe mindestens 5 cm die Sehne verlängert." Diese Stimme weckte meine schlummernden Geister etwas mehr, sie war mir so vertraut. Irgendwann fand ich mich in meinem Zimmer wieder, das Bein bis zum Po in Gips auf der Schiene liegen, den Tropf am Arm.
Später, gegen 21 Uhr sah mein guter Doc nochmal nach mir und erklärte mit Engelsgeduld, dass er die Gelenkkapsel gelöst habe, um wie viel die Achillessehne nun verlängert sei, und wie schön sich danach der Fuß habe heben und senken lassen. Dann ordnete er ein Schmerzmittel an und verabschiedete sich bis zum nächsten Tag mit den Worten: "Da müssen wir jetzt durch". Grinsend versuchte ich zu nicken: das ist klar, Ehrensache!
Fortsetzungen folgen......
Texte in der Verbindung zur Geschichte

Durchatmen können
Will keine Qualen mehr ertragen
bin leer, ausgepumpt
finde keine Kraftquelle für Gegenwehr mehr
möchte mich fallen lassen
eintauchen in eine Welt ohne Schmerz
oder nicht?
Da ist etwas das mich hält
mich sanft streichelt
stille ist.
Ich fühle Energie zu mir überschwappen
wie in einen weichen, samtenen Umhang gehüllt halte ich still
du bist da
unter deinem Schutz bestehe ich wieder
alles löst sich
ich atme wieder
bin wieder hier - solange du mir neue Kraft gibst
mit einer sanften Umarmung
© E.G

Blitzgedanke
Habe alles durchgemacht
ausgehalten und ertragen
Geglaubt, gehofft, gekämpft
habe viel geopfert, doch mein Leben gewonnen
Stärke Kraft und Mut aufgebracht
auch wenn sie längst zu Ende war
mich immer neu motiviert
wieder und wieder - Jahr um Jahr
manchmal aber möchte ich mich fallen lassen
will diese Qualen alle nicht mehr
die mir den Atem rauben
es soll nur noch aufhören
Nehme Medizin
Eine Stunde vergeht
nichts geschieht - Schmerz bringt mich fast um
möchte mich fallen lassen - einschlafen - nichts mehr spüren
Aber ich kämpfe immer wieder von Neuem
Kann nicht anders, fühle mich verpflichtet
Alle haben mich unterstützt - immer wieder
Jedes Risiko mitgetragen
Endlich eine kleine Wolke
Schmerzen im Nebel
Kann wieder atmen - tanke schon neue Kraft
Freue mich wieder auf "Danach"
© E.G

Angenommen
Anders kam ich nach Haus zurück
ich hatte Angst, empfand aber auch Glück
Ihr holtet mich ab aus der Klinik
Nahmt mich in den Arm
mit zögerndem Lächeln begrüßte ich euch
das freudige Begrüßungslächeln war so warm
ein neues Leben würden wir leben müssen
ob wir das schaffen würden?
Ihr sagtet: Wir sind so stolz auf dich
schnell hab ich die Tränen der Rührung weggewischt
Gemeinsam hatten wir gekämpft
da war ich eurer Liebe immer sicher
schenktet mir Zuversicht und Kraft
Optimismus und Leichtigkeit
habt alle Ängste mit mir geteilt
auch Hoffnung gegeben
dass ich stark genug sei
auch dieses neue Leben anzunehmen
ich sei mutig genug
auch das zu bewältigen meintet ihr
so habt ihr viele seelische Wunden geschlossen
bange Fragen beantwortet
mein Herz wieder zum frohen Schlagen gebracht
wir haben uns erleichtert angelacht
würden die nächsten Schritte gemeinsam machen
auch in meinen Augen blitzt wieder das Lachen
Vertrauen und Liebe von jeher stark
Freu mich wieder auf jeden gemeinsamen, neuen Tag
copy E.Go

Der rote Koffer
Es kostet mich eine große Überwindung
immer wieder wenn ich ihn ansehe
Da steht er, der rote Koffer im Schrank
Enthält jahrelange Tagebuch - Aufzeichnungen und Notizen
über meine Krankengeschichte
Zögerlich hole ich ihn ab und zu hervor
aus dem letzen Winkel des Schranks
öffne ihn, nehme das 1. Heft in die Hand
das fein säuberlich datiert vor mir liegt
darauf wartet nun aufbereitet zu werden
damit es anderen Menschen Mut machen kann
doch schon beim Aufschlagen der ersten Seite
packt mich blankes Entsetzen
ohne die Worte auch nur annähernd entziffern zu können
überfällt mich panikartig die verdrängte Erinnerung
diese Schrift allein ist Horror
verrät meinen seelischen Zustand von damals
ohne das was die mehr oder weniger lesbaren Buchstaben verraten
Doch ich komme auch nicht los davon
In mir drängt etwas das ich es wieder versuchen sollte
Ich will es auch, wollte es immer schon
Jetzt ist die Zeit gekommen - endgültig - Mut machen
Noch einmal alles durchleben
Jedes Gefühl jedes Gespräch jede Qual
Ich habe diese Aufgabe zu erfüllen
Stelle mich der Herausforderung
will Hoffnung geben
© E.Go

Deine Hand
Ganz behutsam,
fast ängstlich greift sie nach meiner,
die bleich und matt auf der Bettdecke im Krankenhaus liegt.
Wie ein schutzloses Vögelchen schmiegt sich meine in die deine,
die du sacht ganz sanft umschließt, als wäre sie zerbrechlich.
Nehme dich kaum wahr;
diese verhaltene, behutsame zärtliche Berührung
aber lässt mich Leben spüren,
es ist, als fließe neue Kraft von dir zu mir.
Sacht versuche ich, dir ein Zeichen zu geben,
dass ich spüre dass du bei mir sitzt,
täglich, bange wartend, ängstlich;
doch immer wieder auch mir von deiner Kraft abgebend,
für die Kraft zum Durchhalten - zum Leben;
für dich, für unseren Sohn, für mich
für uns
und ein weitergehendes gemeinsames Leben,
egal wie es aussehen wird.
Es wird sich lohnen zu kämpfen,
weil ich Menschen habe die ich liebe,
und Aufgaben die noch auf mich warten.
© E.Go

Außerdem ist ein neuer Lyrik-und Prosaband in Arbeit,
und weiteres das aber noch nicht verraten wird...
Jedenfalls lohnt es sich immer mal auf meiner Seite vorbeizuschauen.
Über nette GB - Einträge, Lob, aber auch konstruktive Kritik freue ich mich.
Vielen Dank!
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